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Silvio Meier-Doku: Tausende von Demonstranten verhinderten am Sonnabend den NPD-Marsch bis zur Neuen Wache

Szenenapplaus für die Polizei: Endstation Alexanderplatz

Es waren keine Vermummten, keine Bunthaarigen und keine Punks, die dieses Mal das Bild der Gegendemonstration bestimmten - zumindest an der Neuen Wache Unter den Linden. Mehr als tausend Menschen, die meisten nicht älter als 25, aber auch Eltern mit Kindern und Senioren, standen am Sonnabend vor der nationalen Gedenkstätte und blockierten die geplante Marschroute der NPD. Rechtsextreme aus dem gesamten Bundesgebiet wollten vom Ostbahnhof über den Alexanderplatz an der Neuen Wache vorbei zur Friedrichsstraße ziehen und gegen das geplante Parteiverbot demonstrieren. Wegen der rund 4 000 Gegendemonstranten löste die Polizei um 15.30 Uhr die NPD-Demo auf. Am Nachmittag hatte Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) die Bürger zu mehr Zivilcourage aufgefordert. Solche Aufmärsche der Rechten seien nicht eine Frage des Versammlungsrechts, "sondern wir sind zuständig. Überlasst ihnen nicht unsere Straßen und Plätze", sagte er bei einer Kundgebung der Initiative "Europa ohne Rassismus" am Roten Rathaus. Blondierte Mädchen Am Vormittag hatten sich die rund 1 400 NPD-Anhänger noch ungestört am Ostbahnhof in Friedrichshain sammeln können. Drei wurden festgenommen, weil sie die Polizeiauflagen nicht einhielten. Nur Fahnen der Bundesländer und 20 NPD-Flaggen durften mitgeführt werden. Trommeln und Uniformen waren verboten. Auch die Zahl der Transparente war beschränkt. Das zentrale Spruchband mit der Zeile "Deutschland kann man nicht verbieten" wurde von fünf Mädchen mit blondgefärbten Haaren getragen. Der Aufzug der Rechten wurde von fast 4 000 Polizeibeamten begleitet. Fast zeitgleich begann neben dem Roten Rathaus die Gegen-Kundgebung der Initiative "Europa ohne Rassismus". Nach Schätzung der Veranstalter standen rund 3 000 Menschen vor der Bühne. Teilnehmer zeigten sich enttäuscht, dass nach der Großdemonstration am 9. November mit damals 200 000 Menschen nicht mehr gekommen waren. Bis auf die CDU unterstützten alle Parteien die Veranstaltung. Die Kirchen waren vertreten wie auch die Jüdische Gemeinde. Ihr Vorsitzender Andreas Nachama rief wie Thierse zu einem gemeinsamen Vorgehen von Bürgern und Politikern gegen rechte Gewalt auf. Hinter der Bühne wurde zwei jungen Polizisten von einem älteren Herrn vorgeworfen, sie schützten "die Faschisten". Die Kundgebung am Roten Rathaus war längst beendet, als der NPD-Aufzug den Alexanderplatz gegen kurz vor 15 Uhr erreichte. Er wurde von mehreren hundert Gegendemonstranten flankiert, darunter Autonomen, die sich mit der Polizei Rangeleien lieferten. Es waren aber zahlreiche Menschen darunter, die den Sticker der Großdemonstration vom 9. November an der Jacke trugen: "Wir stehen auf für Menschlichkeit und Toleranz". Zum Beispiel Brigitte und Hans Holm, 52 und 55 Jahre alt. "Es wäre schöner, wenn noch mehr Menschen direkt am Demo-Zug protestieren würden", sagten sie. Sie hatten den Polizisten an einer Absperrung erklärt, eigentlich zum Möbelhaus zu wollen und wurden durchgelassen. Renate Strand (62), die vom Einkaufen kam, stand schweigend in der Straße der Pariser Kommune und zeigte den Rechten ihren Daumen. Er zeigte nach unten. "Inzwischen protestieren auch mehr ältere Leute", sagte sie. "Aber es müssten noch viel mehr werden." Das fand auch der 33-jährige Lehrer Harald Hahn, der ein Transparent hochhielt, auf dem stand: "Wo sind die Anständigen?" In München seien die Rechten neulich von Gegendemonstranten vertrieben worden, sagte er. "In Berlin können sie ungehindert marschieren." Er hatte Unrecht. Am Alexanderplatz war Endstation für die NPD. Flaschen und Steine flogen, Feuerwerkskörper wurden abgeschossen und Barrikaden gebaut. Die Polizei setzte Wasserwerfer und Schlagstöcke ein, um die Steinewerfer zurück zu drängen. Während sich am Alex die Autonomen mit der Polizei rangelten, liefen Hunderte von Menschen auf der Karl-Liebknecht-Straße in Richtung Neue Wache, um den Platz zu besetzen. Selbst wenn man die NPD-Demo am Alexanderplatz hätte durchsetzen können, wäre die Situation spätestens am Straßenengpass vor der Neuen Wache unkontrollierbar gewesen. Daher entschied die Polizei, den Aufzug der Rechten am Alex zu beenden. Sitzstreik auf dem Bahnsteig Die Bilanz: 37 Festnahmen auf beiden Seiten, 980 Platzverweise, vier verletzte Polizisten und sechs verletzte Demonstranten. 17 Festnahmen gab es auch am Abend in der Frankfurter Allee, als linke Jugendliche mit einer Kundgebung dem 1992 von Rechten ermordeten Silvio Meier gedachten. Laut Polizei wurden bei Stein- und Flaschenwürfen vier Polizisten verletzt. Zu dieser Zeit waren die frustrierten NPD-Anhänger längst abgereist. Sie waren in einem S-Bahn-Sonderzug nach Schönefeld transportiert worden. Kurz versuchten die Rechten auf dem Bahnsteig einen Sitzstreik, um ihre festgenommenen "Kameraden" freizupressen. Die Polizisten trugen sie, wenn nötig, in den bereitstehenden Zug. Nachdem die S-Bahn abgefahren war, wurden vier festgenommene NPD-Anhänger unter dem Gejohle der Gegendemonstranten durch den Bahnhof abgeführt. Als kurz darauf die Polizisten den Bahnsteig räumten, bekamen sie Szeneapplaus. Der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU) hatte es im Vorfeld übrigens als Fehler bezeichnet, "jede NPD-Demonstration mit einer groß angekündigten Gegenkundgebung aufzuwerten". BERLINER ZEITUNG/MICHAEL BREXENDORFF, KAY HERSCHELMANN Die NPD-Anhänger mussten bereits am Alexanderplatz in die S-Bahn steigen, weil Gegendemonstranten den Platz vor der Neuen Wache besetzt hatten (r. ).

Erschienen in Berliner Zeitung am 2000-11-27