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Silvio Meier-Doku: Der »Baum« steht noch

Wachsende Zahl von Nazitreffpunkten in Berlin. Verfassungsschutz kennt 20 Objekte

Organisierte Rechtsextremisten treten in Berlin immer zahlreicher und gewaltbereiter auf. Das läßt sich auch mehreren Studien entnehmen, die Berlins Innensenator Eckart Werthebach vorstellte. So stieg im Jahr 1999 die Zahl rechtsextremer Gewalttäter um 12,1 Prozent auf 740 Personen; insgesamt sind in Berlin nach Beobachtungen des Verfassungsschutzes 2 785 Personen zum aktiven Neonazispektrum zu zählen.

Auch die Anzahl von Naziläden und -treffpunkten nimmt zu. Der Verfassungsschutz beziffert die sogenannten Trefforte berlinweit mit 20. Allerdings gehört schon einiges dazu, bis der Staatsschutz ein Objekt als Sammelpunkt von Rechtsextremisten bezeichnet. Auffällig ist, daß Nazitreffpunkte oder -shops längst nicht mehr so verdeckt betrieben werden wie noch vor wenigen Jahren. Jüngste Beispiele dafür sind die mittlerweile bekannte Kneipe »Der Baum« sowie das »Kategorie C« im Bezirk Hohenschönhausen.

Der Friedrichshainer »Baum« an der Liebauer Straße wurde im Zuge der Vorbereitungen für die Silvio-Meier- Demonstration im vergangenen Jahr über die Kiezgrenzen hinaus bekannt. Ein Antifa-Bündnis beabsichtigte mit der Gedenkdemonstration für den 1992 von Nazis ermordeten Hausbesetzer, die zunehmende Präsenz rechter Läden in der Innenstadt zu thematisieren. Die rechte Subkultur im »Baum« fiel nicht nur aktiven Antifaschisten auf, auch Politiker schien sie zu stören. So kam es im November - kurz vor der Demonstration - zu einem Gespräch zwischen Antifas, der »Baum«-Wirtin Doris Engel und Lokalpolitikern. Ergebnis der Unterredung war die Zusicherung von Frau Engel, in Zukunft keine Rechten mehr dulden zu wollen. Das Motto der Demonstration richtete sich daraufhin nicht mehr gegen den »Baum«, sondern gegen den »Two Flags Store«, einen rechten Militärladen in Prenzlauer Berg.

Die Zusage von Frau Engels hatte nicht lange Bestand: Zwar wurden direkt nach der Demonstration keine Nazis mehr im »Baum« gesichtet, mehrere Wochen später hatte sich das jedoch schon wieder geändert. Wut über das gebrochene Versprechen führte am vergangenen Sonnabend offenbar dazu, daß die Fensterscheiben des »Baumes« zu Bruch gingen.

Eine weitere rechte Absteige gibt es in Hohenschönhausen. Direkt neben der Einkaufsmeile »Lindencenter« befindet sich seit mehreren Monaten ein Nazishop mit der Bezeichnung »Kategorie C«. Neben einem Tattoostudio gibt es dort jede Menge Hooliganbekleidung, T-Shirts, Aufnäher und Fahnen mit einschlägigen Nazisymbolen.

Erschienen in junge Welt am 2000-03-02