Das Neonazi-Netzwerk „NW-Berlin“

25. April 2013 | Fight Back - Antifa Recherche Berlin-Brandenburg

„NW-Berlin“ ist das berlinweit aktivste und einflussreichste Neonazi-Netzwerk von „Autonomen Nationalisten“ (AN). Zentrale Akteure sind der Schöneweider Sebastian Schmidtke, der Neuköllner Sebastian Thom und der Lichtenberger Björn Wild. Alle drei sind zugleich Funktionäre der Berliner NPD, Schmidtke ist sogar Landesvorsitzender.

Nach den Verboten der Kameradschaften „Kameradschaft Tor“ („KS Tor“) und „Berliner Alternative Süd-Ost“ („BASO“) 2005 und der damit verbundenen Repression kam es zu personellen Umstrukturierungen in der Berliner Neonaziszene. Da sich nach und nach einige Aktive der verbotenen Strukturen aus der politischen Betätigung zurückzogen oder Haftstrafen antraten, wurde das damalige unorganisierte Neonazi-Umfeld zunehmend in die Aktivitäten eingebunden. In den Jahren nach dem Verbot war eine hohe Fluktuation meist junger Neonazis zu beobachten, von denen einige bis heute aktiv sind. Die berlinweite Vernetzung, die schon zu Zeiten der „KS Tor“ bestand, wurde durch „NW-Berlin“ weiter intensiviert. Vor allem die aktionsorientierten Neonazis in Pankow und Neukölln wurden in das Projekt integriert. In diesen Bezirken sind die NPD-Verbände nahezu deckungsgleich mit den lokalen Aktiven der „Autonomen Nationalisten“.

Auch die 2009 gegründete Kameradschaft „Freie Nationalisten Berlin-Mitte“ um Steve Hennig, Stefan Liedtke und Christian Schmidt, die in den Jahren 2009 und 2010 eine hohe Frequenz an Propaganda-Aktionen und Übergriffen an den Tag legte, wurde anschließend zu Teilen in das „NW-Berlin“-Netzwerk integriert. Die Hellersdorfer und Marzahner Neonazis haben seit jeher eine enge Anbindung an die Lichtenberger Neonazis. Aus den Reihen der Hellersdorfer Neonazis rekrutiert sich die Neonazi-Graffiti-Crew „NSBA“. Selbst Teile der konkurrierenden – und inzwischen verbotenen – Kameradschaft „Frontbann 24“ stehen nun in Kontakt mit „NW-Berlin“ und lassen sich, wie z.B. ihr ehemaliger Anführer Uwe Dreisch, strukturell einbinden – er fuhr den Lautsprecherwagen bei dem Aufmarschversuch am 14. Mai 2011 in Kreuzberg. Seit vielen Jahren führt „NW-Berlin“ Kampagnen, Aktionen und Veranstaltungen in Berlin durch. So organisierte das Netzwerk in den Jahren 2005 bis 2011 mindestens 20 Aufmärsche – die meisten angemeldet von Sebastian Schmidtke. Dazu kommen zahlreiche Kundgebungen, Infostände und anderweitige Versammlungen sowie Störaktionen bei Veranstaltungen politischer Gegner_innen. Ein großer Teil der Aufmärsche wurde unter der Hand organisiert und mobilisiert. Jeder Aufmarsch von „NW-Berlin“ wurde zudem von einem Tross an Neonazi-Fotograf_innen – unter ihnen die Lichtenberger Christian Bentz, Björn Wild, David Gudra und Stephan Alex, die Neuköllner Patrick Weiss und Robert Hardege und der Pankower Thomas Zeise – begleitet. Teile der Fotos wurden später für die Berichte auf der Internetseite durch „NW-Berlin“ verwendet, vor allem die Fotos von Gegendemonstrant_innen landeten in internen Anti-Antifa-Archiven. Die Zahl der Teilnehmenden an Versammlungen schwankt dabei von 20 Personen, z.B. bei einem Spontan-Aufmarsch durchs Brandenburger Tor am 21. August 2005, bis hin zu 800 Personen, z.B. beim Aufmarsch „Vom nationalen Widerstand zum nationalen Angriff“ am 10. Oktober 2009.

Es lässt sich ein konstantes Berliner Mobilisierungspotential von „NW-Berlin“ von selten mehr als 100 Neonazis feststellen. In die Aufmarschleitung band Schmidtke bei verschiedenen Aufmärschen langjährige „NW-Berlin“-Aktive ein, so z.B. Björn Wild, Patrick Weiß, Sebastian Glaser und Marcel Rockel. Verantwortlich für die Transparente ist u.a. der Hellersdorfer Matthias Hirsch. Ordneraufgaben am Rande der Aufmärsche übernehmen vor allem Aktivisten der verbotenen „KS Tor“ und „BASO“, wie Bengt Bolle oder Marko Metzkow. Regelmäßiger Fahnenträger bei Aufmärschen aus dem „NW-Berlin“-Spektrum ist Lars Niendorf.

Längerfristig geplante Aufmärsche und Kampagnen wie der Aufmarsch am 1. Mai 2010 und die Kampagne für ein „nationales Jugendzentrum“, aber auch regelmäßig stattfindende Termine, wie die Todestage von Horst Wessel und Rudolf Heß, sowie die jährlichen Aufmärsche in Dresden, Bad Nenndorf und der „Tag der deutschen Zukunft“ werden von „NW-Berlin“ für vielfältige Propaganda-Aktionen genutzt. Dazu zählen Plakat-, Transparent- und Graffiti-Aktionen, Infostände, aber auch Ansätze von Straßentheater. Beim Plakatieren für „NW-Berlin“ wurden in der Vergangenheit Sebastian Zehlecke, David Gudra, Christian Bentz und Patrick Weiss gesehen. An Flugblatt-Verteilungen nahmen u.a. Stefanie Piehl und Roland Scholz teil.

Vereine und Objekte

Im April 2010 gründeten Neonazis einen Verein unter dem Titel „Sozial engagiert in Berlin e.V.“, dessen Vorsitzender der NPD-Aktivist Sebastian Thom ist. Stellvertreter ist David Gudra. Weitere Gründungsmitglieder sind die Lichtenberger Christian Bentz, Sebastian Zehlecke, Stefanie Piehl, Stephan Alex und Roland Scholz. Der Verein hat die Aufgabe, unverdächtig Räumlichkeiten für ein „Nationales Jugendzentrum“ anmieten zu können. Seit dem 1. März 2011 haben sie über den Verein ein Geschäft in der Lückstraße 58 angemietet. Die Lückstraße 58 wird seitdem als Treffpunkt, Lager- und Veranstaltungsort von „NW-Berlin“ aber auch von der Lichtenberger NPD genutzt. Die Räumlichkeit ist Ausgangspunkt von Propaganda-Routen, Anschlagsaktionen und Übergriffen auf Migrant_innen und alternative Jugendliche im Umfeld der Lückstraße. Weitere häufig genutzte Treffpunkte von „NW-Berlin“ sind die Kneipe „Zum Henker“ in Schöneweide und der Waffen- und Bekleidungsladen „Hexogen“, der von Sebastian Schmidtke betrieben wird.

„NW-Berlin“ im Netz

Die Internetseite von „NW-Berlin“ ist die zentrale Neonazi-Informationsplattform für Berlin und Umgebung. Da in der Selbstdarstellung in der „Wir“-Form geschrieben wird, kann von einem festen Personenkreis ausgegangen werden, der die eingeschickten Artikel auswählt und auf die Seite setzt. Schmidtke – integraler Bestandteil von „NW-Berlin“ – bestreitet, Einfluss auf die Seite zu haben. Dies kann jedoch als Schutzbehauptung angesehen werden, weil unzählige Anzeigen wegen der Veröffentlichung von Bildern und Namen politischer Gegner_innen auf der Seite, Gewaltdrohungen, Hitler-Zitate und weitere offene NS-Bezüge gegen die Internetseite laufen. Im Jahr 2011 wurden, aufgrund der Repressionsdrohnung gegen die Seite, die Anti-Antifa-Inhalte auf eine externe Seite ausgegliedert – „Chronik Berlin“. Dort finden sich kurze Berichte (vermeintlich) linker Aktivitäten in Berlin und ein Register antifaschistisch engagierter Menschen. Von 2005 bis zur Indizierung der Internetseite 2011 von „NW-Berlin“ war Sebastian Schmidtke der presserechtlich Verantwortliche (V.i.S.d.P.) fast sämtlicher Publikationen, ob Plakate, Aufkleber, oder Flyer des Neonazi-Netzwerks „NW-Berlin“. Seit der Indizierung verzichtet „NW-Berlin“ auf eine reale Person als V.i.S.d.P.. Für die neonazistische Zeitung „Berliner Bote“ die unregelmäßig herausgegeben wurde, war neben Marcel Rockel ebenfalls Sebastian Schmidtke verantwortlich.

Attacken

Gewalt gegen politische Gegner_innen und Anschläge auf deren Objekte sind seit dessen Gründung zentrale Elemente der Aktionen von „NW-Berlin“. Im Jahr 2006 griffen Neuköllner und Treptower Neonazis einen PDS-Stand an der Rudower Spinne an. Die Neonazis um Rene Bethage, Sebastian Thom und Patrick Weiß beschossen die Standbetreiber_innen mit Leuchtspurmunition und konnten nur durch anwesende Antifas zurückgedrängt werden. In den Jahren 2006 und 2007 beleidigten und griffen Neonazis den Betreiber eines Dönerladens in der Weitlingstraße regelmäßig an. Ausgangspunkt dabei war häufig die angrenzende Neonazikneipe „Kiste“. Sowohl der Dönerladen als auch die „Kiste“ sind heute geschlossen. Sebastian Thom griff zusammen mit Julian Beyer in Neukölln im August 2011 zwei Männer mit Messern und Pfefferspray an, die sie verdächtigten, NPD-Plakate beschädigt zu haben. Diese Fälle zeigen exemplarisch, dass Aktive und das Umfeld von „NW-Berlin“ kontinuierlich in gewalttätige Auseinandersetzungen verwickelt waren und sind.

Dass auch Sachbeschädigungen und Anschläge zum Repertoire der Neonazis vom „NW-Berlin“-Netzwerk gehören, zeigen nicht nur die Biographien der Aktiven wie Sebastian Dahl, Marcus Pohle und Robert Hardege, sondern auch die Serie von Brandanschlägen auf alternative Wohn- und Kulturprojekte in den letzten Jahren. Seit Jahren sind Jugendklubs und migrantische Projekte Ziele von Sachbeschädigungen. Dazu zählt das Zukleben von Schlössern am „Interkulturellen Bildungszentrum“ im Weitlingkiez und die Zerstörung von Scheiben an Objekten wie dem „Unabhängigen Jugendzentrum Karlshorst“, den Linksparteibüros in Schöneweide, Lichtenberg und Kreuzberg und alternativen Kultureinrichtungen in Neukölln. Der Treptower Sebastian Dahl war im Jahr 2001 an mehreren Brandanschlägen in Königs Wusterhausen beteiligt, bei denen versucht wurde, Molotov-Cocktails auf die Bühne eines Antifa-Konzerts und auf die Wohnwagen eines Sinti und Roma-Camps zu werfen. Er wurde dafür zu einer mehrjährigen Haftstraße verurteilt.

Im Sommer 2005 fand eine Serie von Übergriffen inPotsdam statt, an der auch Oliver Oeltze beteiligt war. Er musste dafür eine mehrjährige Haftstrafe antreten. 2008 warfen die Neuköllner Marcus Pohle und Robert Hardege mehrere Brandsätze auf Häuser, in denen Migrant_innen schliefen. Auch deren Freund Julian Beyer ist wegen Sachbeschädigung durch Brandstiftung verurteilt. Er war einer der Verdächtigen, als das „Haus der Demokratie“ in Zossen im Jahr 2010 abbrannte. In den Jahren 2009 und 2010 trat auch die Kameradschaft „FN Mitte“ ebenfalls mit Sachbeschä- digungen an Objekten in Wedding und Weißensee in Erscheinung. Die aktuelle Anschlagsserie, die in einem direkten Zusammenhang mit der von „NW-Berlin“ veröffentlichten Liste linker Objekte in Berlin steht, hat allein in den Jahren 2010 und 2011 zehn Brandanschläge zu verzeichnen. Betroffen waren vor allem alternative Wohnprojekte, wie das „Tommy-Weißbecker-Haus“ und die „Reichenberger 63a“ (Kreuzberg), die „Kastanie 85“ und die „Lottum 10a“ (Prenzlauer Berg), aber auch Jugendklubs und Privatwohnungen in Treptow-Köpenick. Im Falle eines Anschlags auf den Jugendklub „Café Köpenick“ geriet der Mecklenburgische NPD-Aktivist Alf Börm ins Visier der Behörden, weil er bei der Flucht sein Portmonee verlor. Die Anschläge in Johannisthal gehen wahrscheinlich auf die Kappe von Julian Beyer, der 2011 dorthin verzog. Besonders hart traf es den Falken-Jugendklub „Anton-Schmaus-Haus“, der bereits zweimal betroffen war und dabei hohe Sachschäden erlitt. Die Polizei führte die Ermittlungen nach den Brandanschlägen nachlässig. Bis jetzt wurde keiner der Verantwortlichen rechtlich belangt. Jedoch stehen alle genannten Personen in Zusammenhang mit „NW-Berlin“ oder sind selbst Teil des Netzwerkes.

Repression

Im März 2012 wurden mehrere Wohnungen in Berlin im Zusammenhang mit der Internetseite „NW-Berlin“ von der Polizei durchsucht. Es waren die Wohnungen des Berliner NPD-Vorsitzenden Sebastian Schmidtke (Treptow), des NPD-Landesvorstandsmitglied Sebastian Thom und Patrick Weiß (Neukölln) sowie Schmidtkes Ladengeschäft „Hexogen“. Dabei wurde nach Angaben der Polizei umfangreiches Beweismaterial sicher gestellt, dass die drei Personen mit der Webseite von „NW-Berlin“ in Verbindung bringt. Auf die Spur der Neuköllner Neonazis war die Polizei gekommen, weil die beiden mit einer Sprühaktion in Verbindung gebracht wurden, von der später Fotos auf „NW-Berlin“ erschienen. Schmidtke wurde davor mehrfach in der Presse mit „NW-Berlin“ in Verbindung gebracht. Nach den Angriffen auf Gegendemonstrant_innen während eines Aufmarschversuchs in Kreuzberg am 14. Mai 2011 (siehe Seite 12) wurden von der Polizei die Wohnungen von Sebastian Zehlecke, Christian Schmidt, Dennis Kittler, David Gallien und Robert Hardege in Berlin durchsucht. Der Neonazi Lutz Giesen wurde dafür verurteilt, dass er auf dem „NW-Berlin“-Aufmarsch am 10. Oktober 2009 die Namen von linken Politiker_innen, Akteur_innen der Zivilgesellschaft und Antifas verlas.

Fazit

Nicht nur bei öffentlichen Auftritten laufen die Fäden des Netzwerkes von „NW-Berlin“ bei Sebastian Schmidtke, Björn Wild und Sebastian Thom zusammen. Ihnen stehen ein bis zwei dutzend Neonazis zur Seite. Dazu zählen mehrere langjährige Aktive aus Lichtenberg und Treptow-Köpenick, aber auch Neonazis aus Neukölln, Hellersdorf und Pankow. Über ihre Mobilisierungswege sind sie in der Lage, sowohl berlinweit als auch überregionale Neonazis zu Aufmärschen und Aktionen in der Stadt zu mobilisieren. Es gibt wenige Aktive vom „NW-Berlin“-Netzwerk die keine Vorstrafen wegen Körperverletzung, Sachbeschädigung oder Brandstiftung haben. Hafterfahrung scheint in dem Netzwerk eine Ehrung zu sein. So ist es auch nicht verwunderlich, dass die Neonazis auch aus der Haft ihre Ideologie propagieren, wie z.B. Sebastian Dahl. Dass die Haft nicht zu einem Rückgang an Aktivität führt, zeigen die Beispiele Christian Bentz, Oliver Oeltze und Thomas Zeise, die direkt nach ihren Haftstrafen wieder aktiv im Netzwerk von „NW-Berlin“ mitwirkten.

Personell, organisatorisch und inhaltlich kann „NW-Berlin“ als Nachfolgeorganisation der verbotenen Kameradschaften „KS Tor“ und „BASO“ angesehen werden. Daraus wird auch kein Hehl gemacht. An einer Kundgebung in Velten im September 2012, an der die „NW-Berlin“/„KS Tor“-Aktivisten Björn Wild, Daniel Meinel und Oliver Oeltze teilnahmen, wurden auf dem Boden der Schriftzug „Wir sind alle – KS Tor, BASO, NW Dortmund, Spreelichter“ hinterlassen. Alte beschlagnahmte „KS Tor“-Transparente wurden nachgemalt und ohne Gruppenbezeichnung getragen. Das selbstbewusste Auftreten, was sich auch in direkten Angriffen und Brandanschlägen auf linke Strukturen niederschlägt, geschieht in dem Bewusstsein, dass die Strafverfolgungsbehörden sich auf keine Einschätzungen über die Personenzusammenhänge hinter dem Neonazi-Netzwerk „NW-Berlin“ einlassen. Der Blick auf die Aktivitäten von „NW-Berlin“ zeichnet hingegen ein klares Bild des Netzwerks.

Erstveröffentlichung auf Fight Back 05 am 23. September 2019

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