Identitäre Burschenschafter

31. Mai 2017 | News Redaktion

Am 17. Juni will die „Identitäre Bewegung“ (IB) wieder in Berlin-Mitte irgendwo zwischen Potsdamer Platz und Gendarmenmarkt aufmarschieren. Schon 2016 liefen dort rund 100 Identitäre ebenfalls zum historischen Datum am 17. Juni (Arbeiteraufstand in der DDR, 1953). Bestimmt fünfmal so viele GegendemonstrantInnen blockierten sie damals teilweise. Um die eigene TeilnehmerInnenzahl dieses Jahr zu erhöhen, setzt die IB diesmal auf überregionale Mobilisierung in Österreich und Frankreich. Dafür lassen sie sogar ihren jährlichen Juni-Aufmarsch in Wien sausen. Im letzten Jahr nahmen daran rund 1.000 Neonazis teil. Solche Zahlen werden sie in Berlin nicht erreichen. Dennoch lohnt der Blick auf die Strukturen der IB in Berlin. Denn obwohl die Identitären als "Scheinriesen" gelten, haben sie durch personelle Überschneidungen Zugriff auf Ressourcen von Burschenschaften, der AfD/JungeAlternative und seit September letzten Jahres auch auf die der AfD-Fraktion im Berlin Abgeordnetenhaus.

Burschenschaft Gothia

Die besten und eindeutigsten Verbindungen gibt es zur Burschenschaft Gothia. In der Zehlendorfer Villa fanden schon mehrere Treffen von Berliner AfD-Bezirksverbänden und der Jungen Alternative (JA) statt. Kein Wunder, denn die Gothianer Jörg Sobolewski und Joel Bußmann sind nicht nur im Vorstand der Jungen Alternativen in Berlin, sondern auch noch in der AfD aktiv. Bußmann im Bezirksverband Mitte, wo er 2016 den Einzug in das Bezirksparlament nicht schaffte und Sobolewski letztes Jahr noch bei der AfD-Steglitz nun im Bezirksvorstand Charlottenburg.   Auch der aktuell mit Haftbefehl gesuchte JA-Schatzmeister Jannik Brämer ist Dauergast auf dem Haus der Gothia. Alle drei sind oder waren auch bei den Identitären aktiv. Brämer, der lange Zeit Anmelder der Bundesseiten der Identitären war, betreibt zusammen mit Karsten Vielhaber (im Netz meist Karsten Verber), der beim IB-Aufmarsch am 17. Juni 2016 als Redner auftrat, das Label „cuneus culture“ für identitäres Merchandise. Der gerade 23jährige Joel Bußmann war letztes Jahr zusammen mit seinem JA-Vorstandskollegen The-Hoa Ha auf dem besagten Identitären-Aufmarsch. Jörg Sobolewski beteiligte sich 2013 an einer Störaktion der Identitären Bewegung in der BVV Reinickendorf. Wie eng verwoben Gothia, Identitäre, Junge Alternative und AfD sind, zeigt ein Bild vom JA-Frühlingsfest im Garten der Gothia, das auch im Abgeordnetenhaus für Wirbel sorgte. Darauf zu sehen sind nicht nur viele AfDler aus unterschiedlichen Bezirken (siehe Bildbeschreibung), sondern auch der Anmelder des diesjährigen Identitären-Aufmarschs am 17. Juni, Martin Timm (aka Robert Timm). Abschließend lässt sich festhalten, dass die AfD der Gothia zu mehr Einfluss verhilft. Gleichzeitig profitiert die AfD vom KnowHow der Gothia. Beispielsweise besorgte Sobolewski den Ordnerdienst und Caterer bei AfD-Landesparteitagen. Über die Junge Alternative hat die AfD eine Struktur um die Burschenschafter auch offiziell zu integrieren. Dass die Grenzen zu den Identitären fließend sind, darf sie nicht interessieren, denn sie alle arbeiten an dem einen völkischen und antifeministischen Projekt. Durch die Mittel der AfD-Fraktion im Abgeordnetenhaus können einige noch stärker gebunden werden. Joel Bußmann arbeitet beispielsweise als Identitärer und Gothianer mittlerweile für die AfD im Abgeordnetenhaus. Auch einer der Pressesprecher der Berliner AfD Fraktion ist ein Waffenbruder: Thorsten Elsholtz ist Gothianer und war vor der AfD für den Flüchtlingsheimbetreiber PeWoBe Pressesprecher. Und zwei weitere Goten, Philipp Runge und Björn Skor, haben es bis in die AfD Bundesgeschäftsstelle in die Abteilung "Planung und Organisation" geschafft. Dort arbeiten sie zusammen mit dem Berliner JA-Vorstandsmitglied Alexander Bertram (AfD-Treptow-Köpenick).

Alte und neue Herren

Auch andere AfD-Funktionäre haben Bezüge zu Burschenschaften und damit zur Zielruppe der Identitären als modernisierte Variante. So ist Marc Vallendar, Mitglied im Abgeordnetenhaus, auch ein Alter Herr der Obotritia, die ihr Haus wie viele andere Burschenschaften in der Nähe der Freien Universität in Steglitz-Zehlendorf hat. Er war bis 2016 im Vorstand der Jungen Alternativen und beschäftigt jetzt in seinem AGH-Büro die 31jährige Sarah Leins, die ihrerseits in der Frauenverbindung Lysistra aktiv ist. Leins ist ebenfalls im Vorstand der Jungen Alternativen. Die Lysistra erreicht mensch gerade nur über die Landsmannschaft Preußen in Halensee. Ihr Mitglied Timo Lenz ist ebenfalls aktiv bei der AfD.

Thorsten Weiß, der JA-Vorsitzende von Berlin, ist Alter Herr der Thuringia, die in Charlottenburg beheimatet ist. Auch Weiß hat es auf dem AfD-Ticket ins Abgeordnetenhaus geschafft. Er ist außerdem im Landesvorstand der AfD und immer bemüht die Wogen bezüglich der Identitäre zu glätten.

Stefan (Frank) Kerker, ist Mitglied der Sängerschaft Borussia. Er ist auch Mitglied der AfD-Fraktion im Abgeordnetenhaus. Zur Sängerschaft gehört auch Ambros J. Tazreiter, der zusammen mit Kerker im Bezirksverband Mitte aktiv ist und sich auch im aktuellen Vorstand der Jungen Alternativen wiederfindet.

Ein Spezialfall ist der Verein deutscher Studenten (VDSt), mit den Farben Schwarz-Weiß-Rot. Der Berliner VDSt ist eine Rekrutierungsstruktur der Jungen Freiheit. Drei bekannte AfD-Mitglieder, die auch Alte Herren im VDSt sind, haben für die Junge Freiheit gearbeitet oder sind immer noch tief mit ihr verbandelt. Zu nennen sind Frank Schilling (AfD-Charlottenburg) und Peer Lars Döhnert (AfD-Steglitz, Platz in der BVV-Steglitz), die sich um den JF-Vertrieb kümmern bzw. gekümmert haben. Außerdem ist der aktuelle Presseverantwortliche in der AfD-Bundesgeschäftsstelle Andreas Zöllner Junge Freiheit Autor. Über die drei ist auch der Zugriff der JA/AfD auf die Bibliothek des Konservatismus zurückzuführen. Die Bibliothek ist Ort für JA-Treffen und Veranstaltungen. Auch der VDSt wird, wie die anderen genannten Burschenschaften, höchstwahrscheinlich sein Haus in der Zehlendorfer Gartenstraße für auswärtige TeilnehmerInnen des Aufmarschs am 17. Juni zur Verfügung stellen.

Im Berlin mag es noch andere aktive IBler geben, die den Aufmarsch ermöglichen und zumindest oberflächlich auch ohne AfD handlungsfähig sind. Auch haben die Identitären eine gewisse Ausstrahlung auf NDP/JN-Strukturen, die nicht zu vernachlässigen sind. Doch anders als NPD und Pro Deutschland haben es die Burschenschaften und explizit die Gothia geschafft sich ein großes Stück vom AfD-Kuchen zu holen.

Fotobeschreibung: 5. Mai 2017 im Garten der Gothia: zu denen im Text genannten sind zu sehen Friedrich Hilse (JA-Gründer, jetzt AfD-Landesgeschäftsstelle, kommt aus Pankow), Herbert Mohr (JA-Vorstand, AGH-Mitglied, AfD-Pankow-Vorstand), Mathias Bath (BVV-Mitglied Reinickendorf, Staatsanwalt) Hans-Joachim Berg (AGH-Mitglied, AfD-Landesvorstand, AfD-Steglitz-Vorstand), Nicolas Seifert (AfD-Pankow, Clownschläger), Volker Graffstädt (AfD-Steglitz-Vorstand, BVV-Mitglied), Joachim Andreas (AfD-Tempelhof)


Ergänzung per Indymedia Kommentar:

Auf dem Foto sind außerdem zu sehen:

  • Dennis Hohloch (1. Reihe, 3. von links, weißes Hemd) und Anna Leisten (1. Reihe, 4. von links, grauer Schal) von der JA Brandenburg.
  • Oliver Stallmann (rechts neben Timm mit blauem Pullover und ausgeprägten Geheimratsecken) und Jenny Schreyer (rechts neben Stallmann, vor Joachim Andreas) von der Identitären Bewegung Harz. Stallmann war zuvor bei der JN Wernigerode und der neonazistischen Wernigeröder Aktionsfront. Schreyer bewegte sich ebenfalls in diesem Spektrum. Zur Identitären Bewegung Harz und den beiden gibt es hier mehr Informationen: http://harzinfo.blogsport.de/2016/04/28/identitaere-bewegung-harz-eine-n...

Siehe auch:

Über Infos zu den abgebildeten Personen freut sich unter anderem die Fight Back.

Erstveröffentlichung auf Indymedia am 27. Mai 2017

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